Das Idyll braucht eine Revision

Katinka Corts
7. Oktober 2022
«Alpenland» ist ein Dokumentarfilm des österreichischen Filmemachers Robert Schabus. (Filmstill © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH)

Für einen kurzen Augenblick wirkt es idyllisch, wenn man zu Filmbeginn Menschen auf einer Skipiste fahren sieht. Doch sogleich erfolgt die Ernüchterung – wir sind Beobachter*innen in einer geschlossenen, künstlichen Skianlage, die aufgeständert am grünen Berghang steht. Kurze Momente, die bereits das Debakel umreissen, mit dem sich der Film «Alpenland» beschäftigen wird: Was sind die Alpen für uns, wie nutzen wir sie, wie schützen wir sie? Der Alpenraum ist heute immer noch ein Sehnsuchtsort – sommers wie winters. Denkt man an die Region, blenden sommerlich grüne, blumenbestandene Wiesen und dichte Wälder auf, dazwischen Wanderwege, die zu den entlegensten Gipfeln führen. Oder Bilder vom Winter: schneebedeckte Berge und Wälder, Skifahrer*innen und das Mittagessen im Berggasthaus vor atemberaubender Kulisse.

Energieeinsatz und Emissionen – Wintersport um jeden Preis

Allein – das ist nicht die Wahrheit. Kommen wir als Touristen in die Berge, bleiben wir temporäre Konsumenten in einer Region, die dafür einen immer höheren Preis zahlen muss. Ein Förster formuliert das im Film so: «Du findest in den Alpen etwas, was Du woanders gar nicht mehr findest, aber das sind letztendlich die Reste.» Er habe festgestellt, dass man ganz schnell das vergesse, was war, und das Neue hinnehme. Um diese schleichende Veränderung wieder ins Bewusstsein der Menschen zu rufen, hat er vor Jahren begonnen, Natur- und Stadträume in den Alpen regelmässig fotografisch zu dokumentieren. Auf einem Bild zeigt er ein Speicherbecken hoch oben in den Bergen, das man im gefüllten Zustand womöglich als Teich betrachten könnte: «Hier war mal ein Hügel. Einer der Ingenieure hat mir damals stolz erzählt, dass man täglich 2000 Liter Diesel verfährt während des Aushubs.» Auf den neuen Grund kam ein Fliess, darauf eine Gummifolie und Schotter. «Das heisst, es ist kein See oder Teich, sondern nur ein Becken. Darin bewahrt man Wasser auf, damit man innerhalb ganz kurzer Zeit sehr viel Schnee machen kann.»

Filmstill © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH

Schnee machen, das ist in vielen Bergregionen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr auf den Skitourismus spezialisiert haben, heute Normalität. Der Förster rechnet vor, dass viele Gebiete bei dem aktuellen Temperaturanstieg heute oftmals auf Höhen liegen, die kein mehrmonatiges Schneeversprechen mehr geben können wie früher. Die Speicherbecken liefern das Wasser für die Schneekanonen, die nächtelang die Pisten zwischen den grünen Wäldern weissen. «Die Schneekanonen sind das Signal dafür, dass ich den Winter, den ich durch Energieeinsatz und Emissionen verloren habe, zurückkaufen kann – wieder mit Energieeinsatz und Emissionen», stellt er fest. Mit der Fokussierung auf den Skibetrieb geht auch eine Verteuerung in den Orten einher, die das Interesse von Immobilienspekulanten weckt und Mieten für Einheimische unerschwinglich macht.

Filmstill © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH
Vielfältige Region: Tourismus, Landwirtschaft, Industrie

So ist auch Wohnraum in Zermatt teuer geworden. Wo Gemeindeflächen und -räume verschwinden, damit an ihrer Stelle Hotels und Ferienwohnungen errichtet werden können, geht der eigentliche bewohnte Ort immer mehr verloren. In Zermatt begleitet Schabus exemplarisch einen Bergbahnmitarbeiter und eine Verkäuferin, die sozusagen die Kulissenarbeiter für den Skizirkus sind. Zermatt würde nicht funktionieren, wenn alle hier tätigen portugisisch-stämmigen Arbeiter*innen ihre Tätigkeit niederlegen würden, sagt die Verkäuferin lachend. Wohnen können jene, die alles am Laufen halten, jedoch nur in den entlegenen Vororten, das Leben sei in Zermatt für sie schlicht nicht finanzierbar.

Im französischen Méribel ein ähnliches Bild, jedoch aus einer anderen Perspektive betrachtet: Hier sind ein Bergarzt und seine Kollegin die Protagonisten. In ihrer kleinen Praxis, die sie täglich öffnen, finden die Einheimischen genauso wie die ganzjährig hier lebenden zugezogenen Pensionierten Hilfe. Doch die Weiterführung der Praxis ist ungewiss, es gibt keine Mediziner*innen, die die Nachfolge antreten wollen. Ernüchtert konstatieren sie schliesslich, dass die Praxis wohl geschlossen werden wird, wenn die Gemeinde nicht interveniert und sich um eine Nachfolge kümmert. Stattdessen läge das Hauptaugenmerk im Ort darauf, die Anzahl der Hotels zu reduzieren und stattdessen Wohnungen für Feriengäste zu bauen. Doch auch wenn mehr Touristen kommen – von den damit generierten Einnahmen wird sich der Ort nicht mehr auf lange Sicht tragen können, sollten künftig wirklich nur noch zwei Schneemonate zur Verfügung stehen, mit denen man 12 Monate Leben finanzieren muss.

Doch auch abseits des Tourismus werden die Alpen genutzt und bieten Lebens- und Arbeitsraum. Schabus reist durch die Lombardei und nach Premana, wo sich eine dichte und vielfältige Metallindustrie etabliert hat. Landwirtschaft spielt hier keine Rolle, dicht an dicht stehen Werkstätten von Schmieden und Mechanikern. Weiter westlich im Piemont trifft Schabus eine Ziegenhirtin, die sich neben dem Hüten der Tiere auch um die Produktion von Käse und dessen Verkauf kümmert. Und im Kärntner Mölltal erleben wir den Alltag eines Bauern und seiner Tochter, der mit seiner Schwester den väterlichen Hof betreibt. An steilen Hängen wird Heu gemacht. Das Vieh wird zum Weiden auf die Alpe getrieben, und im Tal muss der Hof versorgt werden. «Die grossen Landwirtschaften werden immer grösser und wir müssen schauen, wie wir zurechtkommen, und haben zugleich keine Möglichkeit zum Wachsen», so der Bauer. «Wir haben Arbeit genug fürs ganze Jahr, aber anstellen können wir niemanden, denn wir könnten gar nichts bezahlen dafür.» Die Tochter weiss, dass jede Hand gebraucht wird, und sie will, dass es mit der Berg- und Almwirtschaft weitergeht. «Aber so wie jetzt macht es keinen Sinn, da kann man nichts erwirtschaften. Und wenn man nicht rund um die Uhr arbeitet und nur für Stall und Vieh und Feld da ist, funktioniert es nicht», sagt sie.

Filmstill © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH
Filmstill © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH
Ein fruchtbarer Diskurs braucht neue Bilder

Der Alpenraum ist heterogen. Das hängt mit den historischen und naturräumlichen Gegebenheiten zusammen, denn das kleingekammerte und diverse Gebirge ist kulturell sehr vielfältig. Gleichzeitig passiert vieles, was den Klimawandel vorantreibt, unter dem man eigentlich leidet. Die Expansionsdynamik und der stetige Wunsch nach Wachstum scheinen unaufhaltsam – was wiederum den Anstrengungen, Naturschutz zu betreiben und Biodiversität zu fördern, entgegenläuft. 

Die Porträts der verschiedenen Menschen zeigen im Film sehr gut, welche inneren Widersprüche und Ambivalenzen es in den Alpen zu erleben und auszuhalten gilt. Im Film treten alle Akteure einzeln und separiert voneinander auf. Zuschauende fordert das, denn sie müssen die vorgestellten Lebenswahrheiten zu eben jenem Gesamtbild von «Alpenland» zusammenfügen. Aber womöglich ist genau dieses Aufzeigen der Vielfalt der richtige Weg, um endlich eine andere alpine Bildwelt zu etablieren und selber fähig zu werden, in der Öffentlichkeit eine fruchtbare Debatte mit den Bewohner*innen und Nutzer*innen des Alpenraumes zu führen – und nicht über sie.

Filmstill © Nikolaus Geyrhalter Filmproduktion GmbH

Das 18. Zurich Film Festival (ZFF) fand vom 22. September bis zum 2. Oktober statt. Im Wettbewerb «Fokus» wurden 14 Spiel- und Dokumentarfilme aus den Produktionsländern Schweiz, Deutschland und Österreich gezeigt, darunter auch der Film «Alpenland». Bei allen Filmen handelt es sich um erste, zweite oder dritte Regiearbeiten.

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